Ein Stückchen vom Reich Gottes - der soziale Biergarten Stephi

- 03.09.2026 - 

„Wir waren uns am Anfang nicht sicher, ob das funktioniert – aber wir haben es eben einfach mal versucht“, berichtet Pfarrerin Uta van Rensen, als sie sich an die Gründung von „Stephi“ erinnert. Stephi – ein Biergarten auf dem Gelände der Südkreuzgemeinde mitten in Karlsruhe. Das klingt erstmal, als ob das nicht wirklich zusammenpasst: ein Biergarten am Gemeindehaus? Aber es passt. Es passt sogar sehr gut. So gut, dass das Stephi-Team nun von der landeskirchlichen Innovationsförderung eine Aufwind-Förderung in Höhe von 80.000 Euro erhalten hat.

Die Idee zu Stephi entstand bereits während der Corona-Zeit. Ein siebenköpfiges Kern-Planungsteam um Uta van Rensen und einige Mitglieder des Ältestenkreises hatte sich zum Ziel gesetzt, einen neuen Ort der Begegnung zu schaffen, und zwar über die Kerngemeinde hinaus. Das Ergebnis war der „Soziale Biergarten Stephi“: An derzeit zwei Abenden pro Woche – donnerstags und freitags – hat Stephi seit Mai 2026 geöffnet. Zwischen 17 und 22 Uhr kommen nach und nach die Gäste auf das Gelände zwischen dem Beiertheimer Gemeindehaus und der Alb; Familien mit Kindern, Seniorinnen und Senioren bilden meist die erste „Schicht“, spätere Besucher genießen ein Feierabend-Bierchen auf dem Weg nach Hause, ab 20 Uhr trudeln Paare oder Gruppen ein, die sich auf dem schattigen Gelände zu einem geselligen Abend verabredet haben. „An schönen Tagen haben wir bis zu 150 Gäste“, berichet Martin Schubart, Kirchenältester in der Südkreuzgemeinde und Stephi-Gründungsmitglied.  
 
Genießen auf Spendenbasis

Das Besondere an Stephi: Der Biergarten finanziert sich komplett über Spenden und ehrenamtliches Engagement. Für Speisen und Getränke zahlen die Gäste, was sie für angemessen halten und jeweils aufbringen können. Das kann mal mehr und mal weniger oder auch gar nichts sein – je nach persönlicher finanzieller Lage. Auf diese Weise wird keiner ausgegrenzt, dessen Geldbeutel den Besuch eines „normalen“ Biergartens oder Lokals sonst vielleicht nicht erlauben würde. Lediglich die alkoholischen Getränke haben einen festen Preis, der allerdings niedriger ist, als sonst in der Gastronomie üblich. Bisher klappt das bestens. „Die Leute bezahlen gerne eine angemessene Summe“, hat Uta van Rensen beobachtet. „Und dass auch immer einige wenige da sind, die nichts zahlen können, darüber freuen wir uns.“ Denn genau das war ja auch das eigentliche Ziel von Stephi. Niemand soll sich hier schämen müssen, wenn er gerade mal knapp bei Kasse ist.
 
Ein Zeichen gegen Armut

„Wir wollten ganz bewusst einen Biergarten schaffen, wo sich die Milieus mischen“, erklärt Uta van Rensen weiter. Ein „Zeichen gegen Armut“ sollte gesetzt werden. Zugleich wolle Stephi auch ein Projekt gegen Vereinsamung sein – entweder durch den Biergartenbesuch und die hoffentlich offene Stimmung, oder durch die eigene Mitarbeit in der ehrenamtlichen Stephi-Crew: „Zusammen an einem guten Ort zu wirken, macht Freude und schafft stressfrei Kontakte“, so Uta van Rensen. 

Klappstühle, die noch auf dem Dachboden des Gemeindehauses lagerten, wurden frisch gestrichen und sorgen jetzt, gemeinsam mit selbstgezimmerten Tischchen aus Brettern und Kisten, für eine kommunikative Atmosphäre – besser als lange Bierbank-Reihen. Das einzige, was neu angeschafft wurde, ist der Getränkewagen für den Ausschank.
 
Personalkosten fallen im Stephi keine an: Für den Service und die Organisation sorgt ein mittlerweile auf über 90 Personen angewachsenes Team aus Ehrenamtlichen. Manche sind jede Woche dabei, andere nur einmal im Monat: „Das funktioniert alles ganz stressfrei über eine Online-Liste“, freut sich Martin Schubart. Überhaupt sei es faszinierend zu sehen, wie viele Menschen – Gäste wie Ehrenamtliche – zum Stephi kämen, die sonst mit Kirche gar nichts zu tun haben. Zwar werde durchaus wahrgenommen, dass es sich dabei um ein Angebot der Kirchengemeinde handle, aber im Vordergrund stünden die angenehme Atmosphäre und die „nette, irgendwie ganz besondere Stimmung“. Ganz nebenbei ergeben sich immer wieder Gespräche zwischen Gästen und Mitarbeitenden – auch seelsorglicher Art.  
 
Veggi und flexibel

Zu der entspannten Stimmung trägt auch die Speisekarte bei, die bewusst einfach gehalten ist: Butterbrezeln, Rohkost- und Antipasti-Teller und Knabbernüsschen schmecken jedem und brauchen keine komplizierte Vorbereitung. Manchmal bereiten Ehrenamtliche in der Gemeindehausküche einen frischen Salat oder Dips zu. In Fleischgerichte oder Wurst wird bewusst kein Geld investiert. Eventuell veranstaltet man im Herbst mal einen „Glühwein-Hock“. Auch ein dritter Stephi-Abend pro Woche ist in Überlegung. Dafür und für Marketing sowie für das Teambuilding und für Schulungen der immer weiter wachsenden ehrenamtlichen Orga-Gruppe kommen die 80.000 Euro von der landeskirchliche Innovationsförderung gerade recht.   
 
Aber: „Wir wollen in erster Linie flexibel bleiben“, betont die Pfarrerin. „Wir haben schnell gemerkt, dass wir mit besonnenen Entscheidungen, Gelassenheit und ohne Druck am besten fahren.“ So solle es auch bleiben, das macht Stephi aus. „Das Schöne ist ja, dass alles, was wir anbieten, mehr ist, als zuvor da war – insofern ist alles gut. Wir haben hier zwar nicht das Reich Gottes auf Erden – aber vielleicht doch ein Stück davon.“
 
Text: Judith Weidermann, Redakteurin "ekiba intern"
 
Der Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in der Mitarbeitendenzeitschrift "ekiba intern", Ausgabe August/September, 7/2026