„Der Respekt vor der Aufgabe ist eher gewachsen“

- 01.02.2022 - 

Ein Interview mit Dekan Dr. Thomas Schalla über die bevorstehende Wiederwahl und die Zukunft der Evangelischen Kirche in Karlsruhe

Herr Schalla, der Stadtkirchenrat hat Sie auf einer Sondersitzung im Dezember als Dekan der Evangelischen Kirche in Karlsruhe für eine weitere Amtszeit vorgeschlagen. Wie fühlen Sie sich nach dieser Entscheidung?
Schalla: Ich freue mich darüber und bin dankbar für das Vertrauen, das der Stadtkirchenrat mir entgegenbringt. Wir sind momentan in komplizierten Zeiten, die schwierige Entscheidungen erfordern. Da erlebe ich es stärkend, dass wir gemeinsam auf dem Weg bleiben können, insofern die Synode auch entsprechend entscheidet. Ich würde mich freuen, weiter gemeinsam mit Haupt- und Ehrenamtlichen in Karlsruhe Kirche zu gestalten.
 
Auf der nächsten Stadtsynode am 18. Februar wollen Sie sich als Dekan wiederwählen lassen. Welche Akzente möchten Sie auf der Synode für eine zweite Amtszeit setzen?
Wenn ich vor die Synode trete, möchte ich unsere Hoffnung betonen, die aus dem Glauben kommt und uns trägt, auch in schwierigen Prozessen. Es ist wichtig, dass wir nicht nur auf die Aufgaben sehen, sondern auch den Auftrag Gottes für die Welt. Gemeinsam zu gestalten, was uns vor die Füße gelegt ist, das machen wir mit dem Rückenwind des Glaubens.
Ein großes Thema in den nächsten Jahren wird auch sein von der Zukunft her zu denken. Ich möchte Mut machen, die Zukunft unserer Kirche zuversichtlich und mit Freude zu gestalten. Und das würde ich auch noch einmal akzentuieren. Was morgen für Aufgaben auf uns zukommen, ist für uns zumindest genauso wichtig, wie die Frage, wie wir Abschied nehmen von dem, was wir haben.
 
Die Kirche von der Zukunft her zu denken, was heißt das konkret? Und wie könnte ihrer Meinung nach eine ‚Kirche der Zukunft‘ aussehen?
Die Kirche in der Zukunft wird auf jeden Fall immer noch die Kirche Jesu Christi sein. Sie wird auch weiter öffentliche Verantwortung übernehmen. Aber sie wird diverser. Wir werden mehr Unterschiedlichkeit haben in den Lebensformen, auch beim Pfarrpersonal. Mehr Diversität in den Gottesdienstformaten, vielleicht auch in den Gemeindeformen. Mir ist wichtig, dass wir Räume zum Experimentieren öffnen. Wir werden vernetzter arbeiten, sowohl in den Quartieren als auch in unseren Arbeitsfeldern. Dabei werden wir weiterhin eine Kirche sein, die mit vielen Gaben und vielen engagierten Menschen gesegnet ist. Und wir werden weiterhin ein Anwalt sein für die, denen es nicht so gut geht.
 
Das Letztere wäre sicherlich eine Aufgabe der Diakonie?
Ganz genau. Die Diakonie ist sowieso schon ein starker Player in der Stadt. Diakonie ist neben der religiösen Bildung eine der wichtigen Verankerungen der Kirche im Leben der Menschen. Die Aufgabe liegt meines Erachtens in der Zukunft noch stärker darin, die diakonischen Themen im Quartier und in der Gemeinde wieder zu stärken. Eine große Signatur unserer Zeit ist die Vereinzelung der Menschen. Das, was eine Gesellschaft zusammenhält, ist nicht mehr so sichtbar. Das merken wir aktuell in der Corona-Zeit. Deshalb ist das, was den Gemeinsinn stärkt, das gemeinsame Leben und Arbeiten, so wichtig, und das hat immer auch eine diakonische Dimension, weil es da um das leibliche Wohl der Menschen geht.
 
Welche Bedeutung wird die Ökumene in der Zukunft spielen?
Ich glaube, die Kirche der Zukunft wird auf jeden Fall ökumenischer werden. Wir erleben das in Karlsruhe bereits als eine produktive und auch geistlich fruchtbare Zusammenarbeit zwischen evangelischer und katholischer Kirche. Auch innerhalb der Arbeitsgemeinschaft der christlichen Kirchen ist in den vergangenen Jahren das Vertrauen gewachsen. Wir werden aber noch stärker darüber nachdenken müssen, wo wir zukünftig noch mehr miteinander Kirche sein können.
 
Ist der Klimaschutz auch ein Thema für die Kirche? Und wie kann Kirche grüner werden?
Klimaschutz ist nicht nur das Megathema unserer Zeit, sondern auch ein kirchliches Thema. Verschiedene Gemeinden sind seit Jahren dabei, mit dem kirchlichen Umweltmanagement „Grüner Gockel“ umweltbewusster mit den Ressourcen umzugehen. Aber da ist noch Luft nach oben. Doch nicht alles liegt in unseren Händen. Ich fände es gut, wenn wir alle unsere Kirchen und Gemeindehäuser mit Solaranlagen versehen könnten, um einen Beitrag zur grünen Energie zu liefern. Da sind uns Grenzen gesetzt, weil der Denkmalschutz nicht überall mitmacht. Aber das wäre etwas, was wir ohne Not und mit viel Zustimmung der Bevölkerung und auch der Gemeinden umsetzen könnten. Das andere Thema, das mit dem Klima zusammenhängt, sind Flucht und Migrationsbewegungen, die zunehmen werden. Da ist die Kirche auch gefordert, sich für eine menschliche Politik an den Grenzen Europas einzusetzen.
 
Wie sieht es denn mit der Zukunft der Kindertageseinrichtungen aus?  
In den Kitas wollen wir die Kinder gut auf dem Weg ins Erwachsenwerden begleiten, und dazu gehört auch ein Stück weit religiöse Bildung. Die erleben die Kinder in unseren Kitas. Gleichzeitig sehen wir, dass wir nicht die Mittel dafür haben, die wir bräuchten, um das ganz so zu gestalten, wie man es sich vorstellt. Die Synode hat deshalb vor einem Jahr beschlossen, unsere Kita-Landschaft zu verändern mit Blick auf Nachhaltigkeit. Das heißt, dass wir darauf achten, dass unser Gesamtsystem funktioniert und wir es in der Breite erhalten können. Das setzt aber voraus, dass die Kitas auch als einzelne funktionieren.
 
Blicken wir zurück auf ihre erste Amtszeit. Wie hat sie diese Zeit geprägt?
Ein großes Thema für mich ist hier die Geduld, ein anderes die Demut. Als ich vor acht Jahren Dekan wurde, dachte ich, dass es mit den notwendigen Prozessen schneller geht. Ich habe aber deutlich gemerkt, wie aufwändig die Beteiligungsprozesse sein müssen und wie schwer es uns fällt, Entscheidungen zu treffen. Sicher auch, weil Entscheidungen immer auch andere Möglichkeiten ausschließen. Man kann es nicht allen recht machen. Das macht es den Gremien auch schwer.
Das andere ist die Demut. Als Aufgabe sehe ich es für mich als Dekan, an der Seite der Gemeinden, der Kolleginnen und Kollegen zu stehen. Gleichzeitig bin ich zusammen mit den Gremien für das große Ganze im Kirchenbezirk mitverantwortlich, das ist manchmal ein ganz schöner Spagat. Und der Respekt vor der Aufgabe ist eher gewachsen.
 
Im Kirchenbezirk sowie in den Gemeinden engagieren sich viele Ehrenamtliche. Was ist bei allen anstehenden Veränderungen und Aufgaben notwendig, um sie weiterhin gut mitzunehmen?
Wir sollten einander immer wieder daran erinnern, dass wir als Kirche und Gemeinden nicht für uns allein da sind, sondern missionarisch unterwegs sind und an der Seite der Menschen stehen. Das ist uns als Christen aufgegeben und kann uns auch motivieren. Wir müssen zudem auch Beteiligungsräume definieren, in denen Ehrenamtliche sich engagieren können. Sie sollten Freiräume haben, Entscheidungen zu treffen. Schlimm wäre es, wenn Ehrenamtliche sich nur noch als Befehlsempfänger irgendwelcher Zentralen empfinden würden. Und die Menschen brauchen das Gefühl, dass es einen Sinn hat, dass Sie sich engagieren. Insgesamt liegt mir daran, dass die Prozesse und die Entscheidungen so sind, dass sie auch von möglichst vielen mitgestaltet und mitgetragen werden können.