Fußwaschung auf dem Marktplatz

- 06.04.2023 - 

Zwölf Stühle stehen auf dem Karlsruher Marktplatz, darauf nehmen Passanten Platz, die ihre Schuhe und Socken ausziehen, dann wäscht ihnen ein Pfarrer im Talar oder Messgewand die Füße. Diese Szene sorgte am Donnerstagnachmittag (6. April) für Aufmerksamkeit. Denn das, was da geboten wurde, war nicht alltäglich. Aber es passte gut in den Gründonnerstag, an dem die christlichen Kirchen an die Fußwaschung Jesu erinnern.

Notiert ist sie in Johannes 13. Da heißt es: Nachdem Jesus einen Tag vor seinem Tod am Kreuz das Passahmal mit seinen Jüngern feierte, steht er auf, gießt Wasser in ein Becken und beginnt, ihnen die Füße zu waschen. Es ist eine Demutsgeste, die gut in unsere Zeit passt, denn sie inspiriert neu zu der Frage, wie wir anderen dienen, helfen können. Und wie wir uns selbst sehen. Auch vor anderen.
 
Rund 25 Helferinnen und Helfer sind an diesem Tag auf dem Karlsruher Markplatz vor der Pyramide im Einsatz, darunter einige aus dem Team der Ökumenischen Citykirchenarbeit, die diese Aktion auf den Marktplatz gebracht haben. Die einen Helfer sprechen Passanten an und laden sie ein, andere tauschen das kalt gewordene Wasser (an diesem Apriltag sind es um die 14 Grad) gegen warmes Seifenwasser aus.
 
Fußwaschung als liebevolle Art
Mitgewirkt haben auch die beiden Stadtdekane. Bei der Fußwaschung ging der evangelische Dekan Dr. Thomas Schalla auch, sofern es für die Person in Ordnung war, mit der Frage ins Gespräch, was sie so durch das Jahr getragen hat? Dabei komme man auch immer wieder auf den Glauben zu sprechen. Die Fußwaschung empfand Dekan Schalla als angenehm, und eine „liebevolle Art“, mit Menschen in Kontakt zu kommen. Das Ritual der Fußwaschung sei aber in der evangelischen Kirche nicht so verbreitet.
 
Anders als in der katholischen Kirche. Hier ist die Fußwaschung an Gründonnerstag viel stärker präsent. Für den katholischen Stadtdekan Hubert Streckert habe die Fußwaschung im öffentlichen Raum trotzdem noch eine „ganz andere Wirkung“: „Wenn ich vor jemandem knie, um ihm die Füße zu waschen, dann sehe ich dem anderen auch in die Augen. Das mache ich nicht funktional“. Und er erinnerte an Papst Franziskus, der mehrmals sogar Häftlingen die Füße wusch und damit für Aufsehen sorgte.
 
Wie kommt die Fußwaschung denn eigentlich an?
Und wie kommt es bei denen an, die sich die Füße waschen lassen? Ich höre mich ein wenig um. Und spreche eine Frau an, die mit ihrer Tochter nahe am Geschehen steht. Ich frage sie, ob sie weiß, worum es hier geht. „Aber klar. Dass ist die Fußwaschung Jesu an Gründonnerstag“, weiß die Durlacherin, die zum Bummeln mit ihrer Tochter in die Karlsruher Innenstadt gekommen ist. Und sie schiebt sofort hinterher: „Ich finde es gut, dass die Kirche so etwas macht und sich zeigt.“ Es sei auch eine gute Einstimmung auf Ostern, findest sie. Ihrem Kind, das bewusst in eine evangelische Kita geht, möchte sie auch vermitteln, „dass es an Ostern nicht nur den Osterhasen gibt“. Später sehe ich, dass nicht nur sie, sondern auch ihre Tochter die Füße gewaschen bekommt.
 
Ich schaue mich wieder um. Lange brauche ich nicht zu warten, da setzen sich ganz spontan zwei Jugendliche auf die zwei äußersten freien Stühle. Emilia, 16, und ihre Cousine Paulina, 18, aus dem Walzbachtal sind zu Besuch in der Fächerstadt und machen ohne Bedenken mit. Sie sei gespannt, was kommt, sagt Emilia, die sich auch als christlich bezeichnet. Sie zieht ihre Schuhe und Strümpfe aus, dann setzt sie ihre Füße ins warme Seifenwasser. Wie es war, frage ich nur wenige Minuten später. Angenehm sei die Fußwaschung gewesen, „wie eine Fußmassage“ und eine gute Einstimmung auf Ostern, findet Emilia. Mein Blick geht immer wieder durch die Reihen. Auf die freien Stühle setzen sich Senioren, aber auch junge Menschen, es ist ein Kommen und ein Gehen, ganz bunt gemischt.
 
"Mit Liebe unterwegs": Socken als give-aways
Es ist Halbzeit, das Wetter hält sich, die Karlsruher Band Pizzicato Blue spielt wieder auf, das ist dann zwar ganz schön laut, bringt aber auch mächtig Schwung. Und auch an den Socken, die mit dem Aufdruck: „Mit Liebe unterwegs“ nach einer Fußwaschung als Give-away an den Mann oder die Frau gebracht werden, kann man ablesen, dass die Aktion gut läuft.
 
Mit der öffentlichkeitswirksamen Fußwaschung möchte die Citykirchenarbeit die Liebe und Zuwendung, wie sie Jesus seinen Jüngern vorgelebt hat, in die Stadt bringen. „Wir sind der Meinung, dass die Welt momentan so nervös und aufgerieben ist, dass sie wieder Zuwendung braucht, eine Qualität wie sie Jesus seinen Jüngern in der Fußwaschung gezeigt hat“, erklärt der evangelische Pfarrer Dirk Keller vom „Fächersegen“, der ökumenischen Citykirchenarbeit in Karlsruhe.
 
Zwei Empfehlungen kommen aus Hamburg 
Die Idee zur öffentlichen Fußwaschung hat das Karlsruher Citykirchenteam aus Hamburg übernommen. Im vorigen Jahr haben drei Pfarrer auf der Reeperbahn Passanten und Prostituierten die Füße gewaschen. Was sie den Karlsruher Citykirchenarbeitern geraten haben, möchte ich wissen: „Zwei Empfehlungen haben wir mit auf den Weg bekommen“, sagt Dirk Keller. Das eine war, im Talar zu gehen, um erkennbar zu sein. Und die andere Empfehlung – und sie scheint fast noch bedeutender zu sein – lautete: „Traut der Handlung Jesu, der Fußwaschung, etwas zu“.  
Markus Mickein