„Ich war immer von den Themen überzeugt. Das hat viel ausgemacht“

- 06.05.2024 - 

Jutta Scheele-Schäfer ist wie keine zweite seit Jahrzehnten für die Evangelische Kirche in Karlsruhe ehrenamtlich engagiert. Mit dem Abschied als Präsidiumsvorsitzende der Stadtsynode geht damit auch eine Ära zu Ende. Ein Gespräch über die Anfänge in den 80er und 90er Jahren, schwere Entscheidungen in der Stadtsynode und warum es jetzt ein guter Zeitpunkt ist, aufzuhören.

Frau Scheele-Schäfer, Sie sind seit 1985, also seit knapp 40 Jahren, in kirchlichen Ämtern aktiv, und das vor allem ehrenamtlich in Leitungspositionen. Wie war der Einstieg als Frau in den 80er und 90er Jahren?
 
Jutta Scheele-Schäfer: Das war schon bemerkenswert. Der Pfarrberuf war damals sehr stark männlich geprägt. Und auch die Ältestenkreise. Frauen waren da eher die Ausnahme. Auch der Vorsitzende war ein Mann. Ich war damals vom Ältestenkreis in den damaligen Kirchengemeinderat gewählt worden, habe mich dann in den Finanzausschuss wählen lassen und über den Finanzausschuss bin ich dann stellvertretende Vorsitzende geworden. Als Frau war das schon etwas Besonderes. Von Frauen habe ich oftmals dafür auch Anerkennung bekommen: Endlich mal eine Frau! Für Männer war es eher schwierig. Ich habe oft als einzige Frau in den Gremien gesessen und war auch noch die Vorsitzende. Das war für manche Männer schon harter Tobak. Und einige Männer haben versucht, mich das spüren zu lassen, im Sinne von: Hier fehlt ein Glas, Frau Scheele-Schäfer! Und ganz extrem war es, wenn ich in den Sitzungen etwas gesagt habe, dann kam mit fast 100 % Sicherheit ein Mann, der meine Worte noch einmal wiederholt hat, meine Worte aber eben von einem Mann gesagt – und das hatte dann Wirkung. Anfangs musste ich mich erst einmal in die Rolle reinfinden. Dann habe ich mich aber schon gewehrt: ‘Sie müssen mich nicht wiederholen. Genau das habe ich gerade gesagt.'
 
Was hat Sie motiviert, sich kirchlich so stark zu engagieren?  
 
Es hat mich immer sehr gereizt. Kirche war immer ein wichtiges Thema für mich bis zum heutigen Tag, ich bin sehr kirchlich-christlich sozialisiert worden durch meine Großmutter. Und im Ältestenkreis hat es mich sehr interessiert, nicht nur unter der Käseglocke Gemeinde zu sein, sondern auch den Blick nach außen zu richten zu den anderen Gemeinden. Ich habe mich nie als Einzelkämpferin verstanden, sondern immer mehr als Teamplayerin. Das hat mich weitergebracht bis hin zum Vorsitz des Kirchengemeinderates der ehemaligen Kirchengemeinde Karlsruhe, weil ich der Meinung war, dass man vorausgehen muss, um auch alte Strukturen aufzubrechen.  
 
Sie sind seit vielen Jahren Vorsitzende der Stadtsynode, dazu Ältestenkreisvorsitzende der Markusgemeinde und Stellvertretende Vorsitzende des Stadtkirchenrats. Viele Jahre waren sie in landeskirchlichen Ausschüssen sowie im Finanzausschuss des Stadtkirchenbezirks aktiv. Wie geht so viel ehramtliches kirchliches Engagement, wie schaffen Sie das?
 
Als ich begann, mich stärker zu engagieren, waren meine Kinder schon größer und später außer Haus. Und mein Mann war Ende der 90er Jahren nach Frankfurt am Main versetzt worden und hat dort auch bis zu seiner Pensionierung gearbeitet, sodass ich also die Woche für mich hatte. Ich konnte mich beruflich engagieren und meine Termine so legen, dass ich auch für die Kirche Zeit hatte.
 
Weil Sie es ansprechen: Sie sind Fachdozentin für Pflegeberufe.
 
Ich bin von Hause aus Pflegeperson und habe Krankenschwester gelernt und habe dann noch ein Pädagogik-Studium an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg mit acht Semestern draufgesetzt und noch andere Weiterbildungen  gemacht. Dieses Studium war speziell für Lehrende in Gesundheitsberufen. Ich bin dann selbstständig tätig geworden und mache bis heute viel zu den Themen Coaching, Kommunikation und Konfliktberatung. Früher war ich fünf Tage in der Woche aktiv, jetzt bin ich vielleicht im Monat insgesamt drei oder vier Tage tätig.
 
Was hat sie denn mit den vielen Ehrenämtern motiviert, dabeizubleiben und durchzuhalten?
 
Ja, das ist genau die Frage, die ich mir auch immer wieder stelle. Was mir immer großen Spaß gemacht hat, war die Zusammenarbeit mit anderen. Ich habe mich immer eher als Teamplayerin verstanden. Die Vorbereitungen haben wir oft zusammen gemacht. Das Gefühl, Rückenwind von meinem Team zu haben, hat mir Durchhaltekraft gegeben. Und ich bin ein gläubiger Mensch. Es ging für mich auch um die Frage, wie kann der Glaube gelebt werden und wie kann ich als Vorbild leben.  
 
Sie waren 17 Jahre Vorsitzende der heutigen Stadtsynode? Wie blicken Sie auf diese Zeit?
 
Es begann 2009 mit dem Vereinigungsgesetz, um die bis dahin große Gemeinde Karlsruhe mit den umliegenden neun selbstständigen Kirchengemeinden wie Knielingen, Rüppurr oder Grötzingen zu einem körperlich-rechtlichen Gebilde zusammenzubringen: dem heutigen Stadtkirchenbezirk. Und sie können sich vorstellen, dass das schon schwierig war. In all den Jahren gab es immer wieder Vorgaben vom Evangelischen Oberkirchenrat, z. B. das Haushaltssicherungskonzept. Mir hat es immer Spaß gemacht, mich mit den Themen auseinanderzusetzen, und das, was von der Synode zu bearbeiten war, in die Synode hineinzutragen. Es ist mir wichtig gewesen, dass die Synode beteiligt und informiert wird. Beispiel letztes Jahr: Das waren zum Teil harte Synoden, aber wir haben geschafft, dass die Synode mit großer Mehrheit beschlossen hat, dass der Stadtkirchenrat die neue Struktur und die Planungen zu den Liegenschaften beschließen soll. Das war ein Erfolg.
 
Gab es in den zurückliegenden Jahren auch Momente, in denen sie ans Aufhören dachten?
 
Ja, mehr als einmal.
 
Was hat sie dann dazu motiviert, dabei zu bleiben?
 
Eine gute Frage. Letztendlich dann auch die Motivation: Jetzt erst recht. Denn ich war immer von der Sache überzeugt. Es hat viel ausgemacht. Auch bei dem aktuellen Konzept Kirche 2030 ist das so. Ich bin dafür auch in vielen Ältestenkreisen gewesen, habe auch die Ältesten einzeln gesprochen, habe mir den Ärger angehört und habe sie ermuntern, sich weiter zu engagieren. Es war mir immer wichtig, möglichst viele mitzunehmen.   
 
Sie wollten eigentlich zum Ende der vergangenen Legislaturperiode den Vorsitz abgeben, haben das aber nicht getan...
 
Ich wollte bereits vor vier Jahren aufhören. Doch dann kam der Prozess Kirche 2030 und es war die Frage, wenn ich jetzt aufhöre, ist das gut für den Prozess? Und weil ich immer sehr überzeugt war von den Dingen, kam ich zu dem Schluss: Nein, das ist nicht gut, wenn ich jetzt aufhöre, mitten im Prozess mit den Liegenschaften und der Struktur.
 
Was hat den Ausschlag gegeben, dafür jetzt aufzuhören?
 
Da sind die Überlegungen zum Personal entscheidend. Ich habe Gernot Goll schon vor längerer Zeit als meinen Nachfolger in den Blick genommen, der sich das Amt vorstellen kann und kandidiert. Und Catharina Covolo ist jetzt auch aus der Elternzeit zurück für die Position als Erste stellvertretende Vorsitzende. Beide Positionen sind wieder besetzt, beide haben Erfahrung. Deswegen ist es jetzt ein guter Zeitpunkt, aufzuhören.
 
Gibt es denn im Nachhinein auch Versäumnisse, dass sie sagen, da haben Sie auch Fehler gemacht?
 
Ja, das gibt es sicherlich, dass ich immer wieder Menschen enttäuscht habe. Oder auch nicht richtig wahrgenommen habe oder nicht richtig gehört habe. An eine Sitzung kann ich mich noch gut im negativen Sinn erinnern, das war, als die Synode in der Karlsburg in Durlach tagte. Es ging damals um die Vereinbarungen und Verträge mit den neu hinzukommenden Gemeinden zum neuen Kirchenbezirk. Da war die Akustik im Raum so schlecht. Es gab x-Änderungsvorschläge und ich habe akustisch nichts verstanden. Alle waren hilflos. In dieser Situation fühlte ich mich als Vorsitzende mutterseelenallein.
 
Abschließende Frage: Die Sitzungen der Stadtsynode sind öffentlich. Damit ist auch ein Anspruch formuliert, dass das, was Kirche macht, auch für die Menschen relevant ist. Was braucht es, damit kirchliches Arbeiten und Entscheiden auch weiterhin für die Öffentlichkeit wichtig bleibt?
 
Die Synode kann und sollte sich gesellschaftsrelevanter Themen annehmen und sie diskutieren. Wir hatten im Februar zum Beispiel eine Synode zur Friedensethik. Das war gut. Oder früher schon zum Grünen Gockel, dem kirchlichen Umweltmanagementsystem. Was ich da aktuell hineinnehmen würde, ist die Missbrauchsstudie der Landeskirche und auch die Themen rund um die Frage, wie wir unsere kirchlichen Umweltziele erreichen wollen und Kirche eine wichtige Rolle in der Gesellschaft spielt. Der ehemalige Landesbischoff sprach von einer „enkeltauglichen“ Kirche.
 
Frau Scheele-Schäfer, vielen Dank für das Gespräch.
 
Das Interview führte Markus Mickein.