„Die Bitte nach Frieden steckt im Moment in allen von uns drin“

- 13.03.2025 - 

Kirchenmusikdirektor und Chorleiter Christian-Markus Raiser spricht im Interview über das Label ‚Bachchor‘, die wechselvolle Geschichte des ältesten Chores in Karlsruhe und die Frage, warum Beethoven zum 120. Jubiläum jetzt „dran“ ist.

Bachchor Karlsruhe
Lieber Christian-Markus Raiser, der Name ‚Bachchor‘ ist und war sicher ein gutes Aushängeschild. Inwieweit ist der Karlsruher Bachchor noch heute seinem Namensgeber, dem berühmten Leipziger Thomaskantor, verpflichtet? 
 
Nicht nur der Bachchor, sondern alle Chöre sind dem Thomaskantor verpflichtet. Er ist der überragende Komponist, nicht nur unserer protestantischen Kirchenmusik, und er wird immer eine große bedeutende Rolle in der Chorliteratur spielen.  
 
Zum 120. Jubiläum in diesem Jahr steht aber nicht Bach, sondern Beethoven auf dem Programm. Das war beim letzten Jubiläum noch anders. Wie kommt das? 
 
Zum 100-jährigen Jubiläum 2005 hatten wir die h-Moll-Messe von Bach aufgeführt. Damit kann man natürlich nichts falsch machen, es ist ein überragendes Werk. Und doch war mein Gedanke für dieses Jubiläum ein anderer: Gerade in diesen Zeiten wollte ich ein besonderes Programm zusammenstellen, mit dem man auf das momentane Zeitgeschehen eingehen kann. Außerdem war mir immer wichtig, bekannte und unbekannte Werke in Karlsruhe aufzuführen. Ich habe lange gesucht, bis ich eine Zusammenstellung fand, mit der ich wirklich sehr zufrieden bin. Die Kantate “Dona nobis pacem” von Ralph Vaughan Williams, der dieses Werk 1936 zwischen zwei Weltkriegen schrieb, ist eine Mahnung für den Frieden. Und diese Bitte nach Frieden steckt im Moment in allen von uns sehr drin und ist von daher ein sehr, sehr passendes Stück.  
 
Es ist vielen gerade nicht so sehr nach Feiern zumute. 
 
Wir wollten keine große Party machen, sondern mit dem Programm mehr mitgeben. Deshalb mündet die Friedenskantate von Williams auch in Beethovens 9. Sinfonie, die mit der “Ode an die Freude” endet und auch als Europahymne adaptiert wurde. Dieser europäische Gedanke ist gerade sehr am Kippen, und im Appell an Menschlichkeit, Brüderlichkeit und Gleichheit steckt eine Hoffnung. Diesen optimistischen Gedanken möchte ich gerne weitertragen.  
 
Sie sind 1996 als Kantor an die Stadtkirche gekommen. Wie hat sich seitdem die Kirchenmusik an der Stadtkirche verändert? 
 
Die Kirchenmusik in Karlsruhe und der Stadtkirche hat sich seitdem komplett verändert. Die Kirchenmusik an der Stadtkirche musste neu belebt werden. Mein Empfinden war, dass sich die Stadtkirche nach ihrer Zerstörung 1944 und ihrem Wiederaufbau 1958 nicht mehr so recht zu dem entwickelt hat, was sie mal war. Als ich die Stelle übernommen hatte, hat der damalige Landeskantor Prof. Rolf Schweitzer, der einer der ganz großen Kirchenmusiker-Persönlichkeiten der Landeskirche war, zu mir gesagt, ‘Sie müssen die Stadtkirche wieder zu dem machen, was sie einmal war: nämlich zu einem Zentrum für Kirchenmusik für die Stadt, Region und Landeskirche. ’ Und ich habe versucht, diesen Auftrag zu erfüllen. 
 
Wofür steht der Bachchor, was macht ihn aus? 
 
Kirchenmusikdirektor Christian-Markus Raiser
Der Bachchor ist heute ein renommierter Oratorienchor mit über 100 Sängerinnen und Sängern und der älteste noch bestehende Chor der Stadt. Ich bin sehr, sehr froh, dass er auch der Kirchenchor der Stadtkirche ist, mit dem ich viele schöne Gottesdienste gestalten, aber auch genauso auf Konzertreisen gehen kann. Nicht zuletzt ist es eine tolle Truppe mit einer unheimlich guten Gemeinschaft, auch das ist mir sehr wichtig. Und auch wenn Bach selbst keinen so großen Chor hatte: Es ist eine lohnenswerte Aufgabe, mit einem großen Chor differenziert zu arbeiten und Bachsche Werke aufzuführen. 
 
Wie schwer oder leicht ist es heute, neue Chorsängerinnen und -sänger zu gewinnen? 
 
Wir sind in einer sehr glücklichen Situation, die Menschen in Karlsruhe scheinen gerne zu singen. Auch meine Kollegen in den Kantoraten scheinen keine großen Probleme zu haben. Im Cantus Juvenum haben wir gerade die 200-Kinder-Grenze geknackt. Es ist eine positive Erfahrung, dass die Leute sich melden und sagen, sie möchten gerne in einem großen Chor singen. Es hilft vielleicht auch, dass eben Bachchor ein Begriff ist, den man in allen großen Städten kennt.  
 
Wenn man auf den Chor blickt, zeigt sich die wechselvolle Geschichte des 20. Jahrhunderts: So ging der Vorläufer des Bachchors, der damalige “Bachverein”, in den 1920er Jahren wegen der großen Inflation während der Weltwirtschaftskrise fast pleite und musste sich in den 1930er und 40er Jahren gegen die Vereinnahmung der NS-Ideologie wehren. Auch die Zerstörung der Stadtkirche, der späteren Heimatstätte des Chores, zu Pfingsten 1944 war ein herber Einschnitt. Wie blicken Sie auf die Geschichte des Chores und auf die Tatsache, dass es ihn heute noch gibt?   
 
Zu verdanken ist das sicherlich der Begeisterung und dem Willen, zu singen, und vielleicht auch dem Label ‘Bachchor'. Und sicherlich sah man auch eine gewisse Verpflichtung, da weiterzumachen und die Geschichte weiterzutragen. Ich glaube, dass dieser Wille auch viel mit meinem Vorvorgänger Wilhelm Rumpf zu tun hat, der sogar mitten im Krieg die Matthäuspassion aufgeführt hat, obwohl man viele Männer brauchte und es keine gab. Er hat es trotzdem gemacht. Das finde ich sehr mutig und erstaunlich, dass er diesen Willen hatte. Ich glaube, dass er ein wichtiger Motor gerade in diesen schwierigen Zeiten des Zweiten Weltkriegs war. Wilhelm Rumpf war ein musikalischer Tausendsassa, der große Spuren hinterlassen hat. Und auch mein direkter Nachfolger Karlheinz Schmidt hat mehrere Jahrzehnte die Chorarbeit weitergeführt. Es erfüllt mich mit ein wenig Stolz, dass ich diese großartige Tradition weiterführen konnte.  
 
Wie sehen Sie die Zukunft des Bachchors? 
 
Wenn Menschen gerne singen, wird so ein großer Chor wie der Bachchor immer weiterexistieren. Auch wenn ein Chorleiterwechsel ansteht, wie in meinem Fall in ein paar Jahren, und sicherlich auch einige ältere gehen werden. Dann wird ein Generationswechsel stattfinden, das ist auch normal und gesund. Und für einen Oratorienchor, der ein gewisses Niveau halten will, ist es möglicherweise leichter, neue Sängerinnen und Sänger zu bekommen, die auf hohem Niveau Chormusik betreiben wollen. Ich blicke da also optimistisch in die Zukunft.
 
Das Interview führte Markus Mickein.