"Und die Verhältnisse beginnen zu tanzen"

Von der trotzigen Kraft der Osterbotschaft, von Dekan Dr. Thomas Schalla

Das Osterfest haben wir immer nötig. Wir brauchen dringend Spuren der Hoffnung, die vom ersten Ostermorgen reichen bis in unsere Zeit hinein. Österliche Energie brauchen Menschen, um aufzustehen für das Leben. Christinnen und Christen glauben, dass Gott seinen Sohn Jesus Christus am Ostermorgen von den Toten auferweckt hat. Damit beginnt ein neues Kapitel für unsere Welt. 

In der Bibel wird berichtet, wie Frauen am Sonntag nach der Kreuzigung zum Grab Jesu gehen. Verhalten, fast nüchtern wird davon erzählt, wie die sie entsetzt am leeren Grab standen und zunächst möglichst schnell wieder wegwollten. Die biblischen Berichte zeigen noch keine Osterfreude. Die Frauen konnten so schnell nicht einstimmen in das Osterlachen der Natur, in die fröhlichen Osterlieder nachkommender Gemeinden oder späterer Osterfeste. Zerbrechlich ist offenbar das Glück des neuen Lebens, das ihnen am Grab widerfährt. Die Welt geriet erst aus den Fugen und steht nun Kopf.
 
Hoffnungsworte aus der Bibel verdichten sich zur lebendigen Hoffnung
 
Die Bibel überliefert weiter: Nach dem ersten Schreck vertrauen die Frauen der Botschaft des Engels. Sie begegnen Jesus selbst. Sie machen sich auf den Weg zurück nach Jerusalem, bringen die frohe Botschaft zu den Jüngern und bis zu uns heute. Hoffnungsworte aus der Bibel verdichten sich zur lebendigen Hoffnung: Der Herr ist auferstanden. Fürchtet euch nicht!
 
Es gibt in diesen Tagen mehr Gründe als sonst, sich zu fürchten. Die Welt ist zwar in den letzten 2000 Jahren ein besserer Ort geworden. Trotzdem: Leiden und Sterben sind in diesen Wochen weiter bedrängend. Menschen hindern einander weiterhin am Leben: Krieg und Gewalt, Flucht und Vertreibung schaffen große Not. Die Notwendigkeit und der Wille sind zwar gewachsen, Weltprobleme gemeinsam zu lösen. Wir sehen derzeit aber, dass auch dieser Wille droht unter die Räder zu kommen.
 
Ostern feiern – das zieht die österliche Hoffnung ins Leben 
 
Die Hoffnung auf Leben ist nicht auf das Jenseits beschränkt. Die christliche Osterbotschaft ist auch der Stachel im Fleisch menschlicher Ungerechtigkeit. Sie ist Einspruch gegen Krieg und Tod, Zeugnis für Frieden und Gerechtigkeit, Ermutigung zu ehrlichem Blick auf eigene und fremde Schuld. Christinnen und Christen sind deshalb zu allen Zeiten auch Protestleute gegen den Tod. Ostern feiern – das zieht die österliche Hoffnung ins Leben und konfrontiert sie mit unseren Erfahrungen. Die Ambivalenzen sind oft nur schwer auszuhalten. Österlich bleibt, dass die Hoffnung das letzte Wort hat:  
 
„Die Erde ist schön, und es lebt sich
leicht im Tal der Hoffnung.
Gebete werden erhört. Gott wohnt
nah hinterm Zaun.“
 
So malt sich der Dichter Rudolf Otto Wiemer in seinem Entwurf für ein Osterlied das neue Leben aus. Mit dem Osterfest beginnen die Verhältnisse zu tanzen. Die trotzige Kraft der Hoffnung verrückt Ängste und Schuld wie der Engel einst den Grabstein Jesu. Das Tal der Hoffnung wird nicht mehr von den Felsmassiven umstellt, die mit Schuld und Gewalt, mit Hass und Streit das Leben bedrohen. Und Gott wohnt nahe hinterm Zaun – so nah, dass wir täglich das Leben wachsen sehen.
 
Ich wünsche Ihnen gesegnete Osterstage und darin die Kraft der Hoffnung.
 
Ihr 
Thomas Schalla, Dekan