Pfarrkonvent reiste zu Erprobungsräumen nach Mitteldeutschland

- 16.10.2025 - 

Wie kann die evangelische Kirche in einer säkularer werdenden Gesellschaft weiterhin als Kirche für die Menschen da sein? Wie lassen sich neue Gemeindeformen finden und Gemeinschaft und Glaube anders leben? Mit diesen Fragen im Gepäck hatte sich 20 Pfarrerinnen und Pfarrern sowie Diakoninnen und Diakone des Karlsruher Pfarrkonvents vom 7. bis 10. Oktober 2025 zu einer Bildungsreise nach Mitteldeutschland aufgemacht.

Der Pfarrkonvent zu Besuch in Halle/Saale
Vier volle Tage standen auf dem Programm, in denen der Pfarrkonvent in Halle an der Saale sowie in Erfurt einige Erprobungsräume kennenlernte, in denen die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen neue Wege und Formen ausprobiert, Kirche zu bauen und die Frohe Botschaft des Evangeliums unter die Menschen zu bringen. 
 
Ob Nachbarschaftsprojekte, alternative Gottesdienste oder soziale Initiativen – die Erprobungsräume bieten Raum für mutige Ideen
 
Mit ihren Erprobungsräumen ist die EKM vor ziemlich genau zehn Jahren gestartet. Schon länger war zu spürbar, dass „klassische“ Kirche an vielen Orten nicht mehr funktioniert: zu selten fanden noch Gottesdienste mit zu wenigen statt, mancherorts blieben auch Kirchen ungenutzt. Dazu kam 2009 eine Kirchenfusion zweier kleiner Landeskirchen, aus der sich die heutige EKM bildete. Auch hier brauchte es Annäherungen und neue Formen des Miteinanders. Heute gibt es in der EKM 55 Projekte, die Glauben auf kreative Weise leben – mitten im Alltag, an neuen Orten und mit unterschiedlichen Menschen. Ob Nachbarschaftsprojekte, alternative Gottesdienste oder soziale Initiativen – die Erprobungsräume bieten Raum für mutige Ideen und begleiten Menschen, die Kirche anders gestalten wollen.  Mit den Erprobungsräumen war die EKM die Erste, mittlerweile haben elf Landeskirchen ähnliches angefangen.  
 
Natürlich spielt auch der säkulare Kontext, in der Kirche gelebt wird, eine entscheidende Rolle und ist bislang mit westdeutschen Verhältnissen kaum zu vergleichen. In Halle/Saale sind nur zehn Prozent der Bevölkerung evangelisch, zum katholischen Glauben halten sich noch weniger, nur 3 Prozent. Der Kirchenkreis Halle-Saalkreis beispielsweise steht für eine Gemeinschaft von ca. 25.000 evangelischen Christinnen und Christen und umfasst 65 Gemeinden. Zum Vergleich: Der Evangelische Kirchenbezirk Karlsruhe, der 20 evangelischen Gemeinden (außer Neureut) umfasst, hat 50.000 Gemeindemitglieder. Christinnen und Christen in Halle befindenden sich regional in einer gesellschaftlichen Minderheitensituation. Der demografische Wandel und der Verlust kirchlich tradierter Bindungen befördern dies weiter. 
 
Wie kann man Kirche in einer säkularer werdenden Gesellschaft bauen?
 
Den daraus resultierenden Herausforderungen stellt sich der Kirchenkreis auf vielfältige Weise. Einer der Erprobungsräume ist das GründerHaus Steiler Berg“, ein Haus der evangelischen Bartholomäusgemeinde im Hallenser Stadtteil Giebichenstein, in dem noch vor ein paar Jahren ein Kindergarten beheimatet war, und das heute Arbeitsplätze, ein kreatives Umfeld, Gespräche und die Möglichkeiten zur Vernetzung bietet. Ganz anders hingegen ist das Bauwagenprojekt „Man sieht sich“. Mitten im Plattenbauviertel Silberhöhe, einem sozialen Brennpunkt von Halle, steht ein alter ausrangierter Bauwagen aus DDR-Zeiten, der zum verlässlichen Treffpunkt für die Menschen im Stadtteil geworden ist.  
 

Exkursion zur evangelischen Bartholomäusgemeinde in Halle-Giebichenstein
Ein drittes Beispiel ist das ökumenisch getragene Projekt der Lebenswendefeiern. Hier wird an die säkulare Tradition der Jugendweihe aus DDR-Zeiten angeknüpft. Ausgangspunkt ist das Grundbedürfnis der Menschen nach einem Ritual, das den Übergang von der Kindheit zur Jugend markiert. Gefeiert wird zwar in der Kirche (was bei den Jugendlichen gut ankommt), ansonsten wird - außer beim Segen - auf biblische oder christliche Inhalte und Verweise innerhalb der Feier jedoch bewusst verzichtet. Für viele Jugendliche sei diese Lebenswendefeier tatsächlich der erste Kontakt mit Kirche in ihrem Leben, erklärt der katholische Projektleiter in Halle, Daniel Richter.  
 
Was führt zu Aufbrüchen?
 
Was bleibt von den Eindrücken? Welche Impulse kann diese Reise für Karlsruhe geben? Für einige Teilnehmende war es wichtig, zu sehen, wie es auch anders geht, wie auch die finanzielle Unsicherheit zu neuen Ideen und Aufbrüche führen kann. Das mache Mut auch mit Blick auf die eigene Situation. Andre fragten, was es brauche, um Raum zu schaffen für neue Ideen: Kann man etwas weglassen von dem, was gerade noch gut läuft? Was braucht es, um Neues zu ermöglichen?