“Es sind die vielen Geschichten, die mich verändert haben”
- 30.10.2025 -
Johannes Dieckmann war elf Jahre Klinikseelsorger im Städtischen Klinikum Karlsruhe. Zum 1. November 2025 geht er mit 66 Jahren in den Ruhestand. Über seine Zeit als Klinikseelsorger und wie die Arbeit insbesondere auf der Palliativstation und in den Tageskliniken der Psychiatrischen Klinik ihn selbst verändert haben, darüber spricht Pfarrer Johannes Dieckmann in diesem Interview.
Herr Dieckmann, wie sind Sie Klinikseelsorger geworden?
Meine Vikariatszeit habe ich größtenteils im damaligen Kirchenbezirk Lörrach absolviert. Auch meine erste Pfarrstelle in Kandern-Feuerbach-Riedlingen lag im Markgräflerland an der Schweizer Grenze. Im Sommer 2000 wechselte ich dann in die Trinitatis-Gemeinde nach Durlach-Aue und war dort bis 2014 Gemeindepfarrer. Ich sehe diese Jahre im Gemeindepfarramt als guten und wichtigen Abschnitt in meiner beruflichen Tätigkeit. Schon in früheren Zeiten wuchs in mir der Wunsch, verstärkt in den Bereich der Seelsorge zu gehen, um Menschen auch dort zu begleiten, wo es nicht um einfache, schnelle Antworten geht. 2005 habe ich eine pastoralpsychologische Weiterbildung innerhalb der Evangelischen Landeskirche in Baden begonnen, um mich im Bereich der Seelsorge weiter zu qualifizieren.
Wie kam es zum Wechsel in die Klinikseelsorge?
Nach 14 Jahren als Gemeindepfarrer in Durlach-Aue bot sich mir ein Wechsel an. Der damalige Karlsruher Dekan Otto Vogel machte mich darauf aufmerksam, dass zum September 2014 in der Klinikseelsorge am Städtischen Klinikum eine Pfarrstelle ausgeschrieben würde. Tatsächlich konnte ich mir eine berufliche Veränderung in diese Richtung gut vorstellen. So habe ich mich beworben und in der Klinikseelsorge einen neuen Schwerpunkt entdeckt, bei dem ich in den vergangenen elf Jahren gerne geblieben bin.
Was macht die Klinikseelsorge für Sie aus?
Ich sah es als meine Aufgabe aufmerksam und offen zu sein für Menschen in ihrer jeweiligen Situation. Dazu gehört das Hingehen und Hinsehen, das Hören und Wahrnehmen. Manchmal gelang es, gemeinsam etwas zu finden, was guttut und Mut macht. Das war ein wichtiger Teil meiner Arbeit. So durfte ich erfahren, wie ich im Reden und Schweigen, im Beten und Segnen, Menschen mit Ihrer je eigenen Prägung und Spiritualität unterstützen und begleiten konnte. In all dem fühlte ich mich selbst immer wieder beschenkt, berührt und gesegnet. Dankbar war ich oft für das Vertrauen, das mir von Menschen entgegengebracht wurde, die mir zuvor fremd waren, aber mit denen ich ein Stück ihres Weges mitgehen durfte.
Im Rückblick waren auch Situationen für mich wertvoll, in denen ich an Grenzen kam und spürte, jetzt fehlen mir alle Worte und Mittel. Dann musste ich meiner Intuition trauen und schauen, was sich entwickelt. Dabei gab es mir Halt, darauf zu vertrauen, dass es keinen Raum, kein Schicksal und keine Geschichte gibt, die gänzlich gottverlassen ist. Ich musste das dann nicht aussprechen, aber es half mir.
Was hilft sonst noch in solchen Situationen?
Ich bin davon überzeugt, dass es wichtig ist, ein gutes, professionelles Handwerkszeug zu haben, wie es durch Fortbildungen, Austausch mit Kolleginnen und Kollegen und regelmäßige Supervision gegeben ist. Mir hilft auch mein Glaube, die Stille, das Gebet und das Vertrauen darauf, dass Gottes Liebe uns trägt, auch wo wir meinen, sie nicht oder nicht mehr zu spüren.
Auch hilft es mir, immer wieder, zu mir selbst zu kommen und bei mir selbst zu sein. Dann kann ich auch loslassen und es anderen und Gott überlassen, was weiter geschieht. Ich denke, auch das ist wichtig für die Arbeit in der Seelsorge im Krankenhaus.
Können Sie ein Beispiel aus ihrer Arbeit dazu geben?
Auf der Palliativstation spürte ich immer wieder: Hier ist die Endlichkeit mit im Raum. Manchmal wurde das dann auch von den Patienten und Angehörigen ausdrücklich zum Thema gemacht. Aber bei vielen Besuchen ging es in Gesprächen um das, was den Menschen in seiner Situation gerade jetzt im Augenblick stärkt und ihm guttut. Das Wahrnehmen möglicher Ressourcen, die da sind, kann eine große Hilfe dazu sein. Das Bild, das die Enkeltochter gemalt hat und das auf dem Nachtisch neben dem Bett seinen Platz gefunden hat, das Erzählen von einer Reise, die noch im vorigen Jahr gelungen ist, all das kann zu einer Ressource werden. Manchmal sangen oder summten wir auch leise ein altvertrautes Lied und es breitete sich aus den Worten und Klängen ein Trost aus. Und nicht selten kam auch der Wunsch der Patienten, mit ihnen und für sie zu beten und sie zu segnen.
Zu meiner Arbeit als Klinikseelsorger gehörte selbstverständlich auch der Kontakt zu den Mitarbeitenden der Klinik. Mich beeindruckte, was Menschen in unterschiedlichsten Berufen in dieser Klinik leisten. In aufmerksamer persönlicher Zuwendung sind sie engagiert für die Anliegen und Fragen von Kranken und ihren Angehörigen. So ist auch eine Aufgabe der Seelsorge nach ihren Bedürfnissen zu schauen und ein offenes Ohr und Interesse auch an ihrem Befinden und für ihre Anliegen zu haben.
Einer ihrer Schwerpunkte war auch die Arbeit in der Klinik für Psychiatrie. Was hat das mit Ihnen selbst gemacht?
Meine Tätigkeit als Seelsorger in der Psychiatrie hatte ihre ganz eigene Prägung. Dort sind Menschen, die in besonderer Weise Unterstützung und Begleitung in einem geschützten Raum suchen und auch finden können. In der Gesellschaft stoßen sie oft auf Unverständnis und Misstrauen. Gerade auch deshalb war es für mich eine sehr lieb gewordene und kostbare Aufgabe, auch dort als Seelsorger tätig sein zu können. Es war mir wichtig, der anderen Person Raum zu geben, in der sie sich als Mensch ernst genommen fühlt und erfahren kann. Das bedeutete für mich oft einfach das Dasein, das Mitgehen und Mit-Aushalten auch durch lange andauernder Krisen und Krankheitszeiten. Manchmal sah ich meine Aufgabe darin, einfach stellvertretend zu glauben und zu hoffen. Dabei half mir mein Grundvertrauen, dass kein Mensch auch in Zeiten größter Dunkelheit gottverlassen und ungeliebt leben muss. Ich habe gelernt, dass auch die seelische Gesundheit und die Kraft und Fähigkeit, uneingeschränkt selbstständig leben zu können, nicht selbstverständlich, sondern ein großes Geschenk ist.
Im Foyer der Klinik in der Kaiserallee steht auf einer Säule geschrieben: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Ich habe diesen Satz immer wieder neu gerade an diesem Ort als einen wunderbaren Grundsatz unseres Grundgesetzes erkannt, zum Schutz und zur guten Entfaltung unseres Miteinanders in einer Gesellschaft von Menschen ganz unterschiedlicher Prägung, Art und Gesundheit.
Und wie hat die Arbeit Sie persönlich verändert?
Ich glaube, die Arbeit in der Psychiatrie hat mich achtsamer, furchtloser und offener werden lassen für Vielfältigkeit und Einzigartigkeit eines jeden Menschen. Und es bleibt mir am Ende über allem sehr viel Dankbarkeit, dass ich in diesem Bereich der Kirche meinen Platz und meine Berufung finden durfte.
Sie sprechen es gerade an: Ganz selbstverständlich ist es nicht, als Seelsorger in einer Klinik zu arbeiten…
Der Glaube ist ein großer Halt und kann dem Menschen helfen, wieder gesund zu werden, das weiß auch die Medizin. Es ist trotzdem nicht selbstverständlich, in Kliniken den Raum zu haben, um die Patienten seelsorglich zu begleiten. Und für die Kirche sehe ich die Arbeit der Klinikseelsorge auch als gute und sehr wichtige Investition, weil hier die Menschen mit all ihren Fragen nach Sinn und Glauben und ihren Fragen nach dem Leben und dem Sterben zu finden sind.